Mittwoch, November 10, 2010

Kostenpflichtige Javavariante: Oracle sprengt Freie-Software-Szene

Oracle entwickelt sich zum meistgehassten Feind der Open-Source-Gemeinde. Der Softwarekonzern versucht, Kapital aus Software mit offenem Quellcode zu schlagen, die er sich mit der Übernahme von Sun sicherte. von Annika Graf, Hamburg

Nachdem kürzlich die Wartungsgebühren für die Open-Source-Datenbank MySQL verdreifacht wurden, will Oracle in Zukunft offenbar eine neue kostenpflichtige Variante für wichtige Bestandteile der Softwareplattform Java einführen. Das geht aus einem Vortrag hervor, den Oracle-Manager Adam Messinger auf einem Fachkongress in San Francisco gehalten hat und der auf einschlägigen Webseiten und in der Entwicklergemeinde Wellen geschlagen hat.

Oracle-Firmenzentrale: "Oracle fährt eine sehr riskante Strategie"
Mit der Ankündigung setzt Oracle den Konfrontationskurs gegen die oftmals ehrenamtlich arbeitende Community der Programmierer lizenzkostenfreier Software fort: Im Sommer hatte der Ellison-Konzern bereits Entwickler des quelloffenen Großrechnerbetriebssystems Opensolaris mit der Ankündigung vor den Kopf gestoßen, künftig Softwarebestandteile aus den Oracle-Laboren erst mit Verzögerung für das Projekt bereitzustellen.

Vor wenigen Wochen schließlich kam es zum Bruch mit Entwicklern, die das Bürosoftwarepaket Openoffice - und damit das wichtigste Konkurrenzprodukt zu Microsoft Office - betreuen.
"Oracle fährt eine sehr riskante Strategie", sagte IDC-Analyst Rüdiger Spies. Der Softwarekonzern versuche, in der Open-Source-Gemeinde möglichst glaubwürdig zu wirken, auf der anderen Seite nutze er jede Chance, um die Projekte kostenpflichtig zu machen oder Wartungspreise zu erhöhen. "Die Frage ist, wann Oracle den Bogen überspannt."

Mit der Java-Technologie können Entwickler Programme schreiben, die auf unterschiedlichen Geräten und Betriebssystemen laufen. Die mobile Variante von Java wird auf verschiedenen Mobilfunkplattformen wie der Google -Software Android eingesetzt. Sun lizenziert zwar Java auch für geschäftliche Zwecke, gibt aber eine kostenlose Open-Source-Variante für Entwickler heraus.

Streit mit Google
Und genau mit dieser Version hat Oracle nun offenbar neue Pläne: Künftig soll es zwei sogenannte Java Virtual Machines (Java VM) geben - eine freie und eine kostenpflichtige. Java VM ist ein wichtiger Bestandteil der Plattform, sie stellt die Schnittstelle zum Betriebssystem dar, mit der viele Miniprogramme überhaupt erst laufen können. Bereits im September hatte Oracle Ähnliches angedeutet, gleichzeitig aber erklärt, auch die Weiterentwicklung der offenen Java-Plattform zu sichern. So verbündeten sich die Kalifornier im Oktober mit IBM, um die offene Java-Plattform voranzutreiben - was vor allem IBM nützt. Der Konzern sichert sich so günstige Software für seine Hardwareangebote.

Clinch um Open Source
MySQL Die EU-Kommission stimmte der Sun-Übernahme erst zu, nachdem Oracle versprochen hatte, den Open-Source-Kurs für die Datenbank MySQL nicht zu verlassen. Geld verdient Oracle mit Wartung - die wurde kürzlich teurer.
Openoffice Ende September kündigten Mitglieder der Openoffice-Gemeinde die Gründung einer unabhängigen Stiftung an, um die Bürosoftware auf unabhängiger Basis voranzutreiben. Oracle will der Stiftung nicht beitreten. Das neue Produkt heißt jetzt Libre Office, weil Oracle die Namensrechte an Openoffice.org hält.
Opensolaris Oracle bremste im Sommer die freien Entwickler um das lizenzkostenfreie Betriebssystem aus. Sie erhalten jetzt erst Zugriff auf Codezeilen, wenn Oracle schon die nächste Solaris-Version herausgebracht hat.


Nun wird in der Open-Source-Community allerdings befürchtet, dass Oracle die kostenfreien Versionen von Java verkümmern lässt. Ähnliche Sorgen um die Open-Source-Datenbank MySQL riefen schon die EU-Kommission vor der Sun-Übernahme durch Oracle auf den Plan, die dann aber genug Wettbewerb sah und grünes Licht für den Kauf gab. Dass Oracle gerade bei Java keinen Spaß versteht, machte der Softwarekonzern im Sommer mit einer Patentklage gegen Google klar: Der Internetkonzern habe mit seiner offenen Handysoftware Android Java-Patente verletzt, so der Vorwurf.
Laut IDC-Analyst Spies bremst Oracle mit diesem Kurs Open-Source-Projekte. Sie lebten von der Gemeinschaft aus Entwicklern und Vermarktern. "Wenn die sich auflöst, geht das Projekt zugrunde", warnt er. Wenn Oracle einmal als "bad guy" dastehe, könne die Community zerfallen.


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